Ich habe Nina Weger bei ihrer Buchvorstellung in Hamburg kennengelernt. Nina hat drei Leidenschaften: das Schreiben von Kinderbüchern, den Zirkus Giovanni, den sie ehrenamtlich leitet und ihre Familie – die Kinder Greta (20) und Vincent (17) und ihren Mann Udo. Ihr neuestes Buch, Club der Heldinnen, ist ein Abenteuerbuch für Mädchen – witzig, schlau und wild. Wie sie auf die Idee gekommen ist, das Buch zu schreiben und was sie sich für die Zukunft von Frauen und Mädchen in Deutschland wünscht, dazu haben wir mit ihr gesprochen.

WIE BIST DU AUF DIE IDEE GEKOMMEN, „CLUB DER HELDINNEN“ ZU SCHREIBEN?

Ich habe als Kind Abenteuer-Geschichten geliebt. Irgendwann fiel mir auf, dass der Großteil meiner Helden Männer waren. Es gab kein weibliches Pendant zu Winnetou, Prinz Eisenherz oder Figuren wie Klaus Störtebecker oder Robin Hood. Deshalb habe ich mir gesagt, erfinde ich mir die selbst: Mädchen, die all das heldenhafte Verhalten an den Tag legen, die Abenteuer bestehen, die aus Niederlagen gestärkt hervorgehen und – das war mir besonders wichtig: Ein heldenhaftes Miteinander leben, die Seite an Seite für ein gemeinsames Ziel vorangehen. Ohne Gezicke und vor allen Dingen ohne Gefallsucht. Das können echte Helden und Heldinnen nämlich wirklich nicht gebrauchen.

Im Interview: Nina Weger (Kinderbuchautorin, Club der Heldinnen, Oetiner) Was sie sich für die Zukunft von Mädchen wünscht und über weibliche Superhelden - FAMILICIOUS.de

Ich hatte das also schon lange im Kopf. Dann beschlich mich plötzlich das Gefühl, dass wir in Sachen Gleichberechtigung und Emanzipation still und leise den Rückwärtsgang einlegen. Rosa T-Shirts, Glitzer und Feen überall. Da bekam ich große Lust auf einen Haufen Mädchen, die sich gern mal in den Matsch werfen, um einen Schatz zu heben. Und hier sind sie – im Club der Heldinnen!

 

WAS DENKST DU, WIE WERDEN AUS MÄDCHEN HELDINNEN? WIE STÄRKEN WIR MÄDCHEN FÜR DIE ZUKUNFT?

Wir sollten uns fragen, wie wir unsere Kinder – Jungen und Mädchen – für die Zukunft stärken. Ich glaube nicht, indem wir sie gleichmachen.  Ich sehe an meinen eigenen Kindern, aber auch den vierzig Kindern im Kinderzirkus, die ich ja von der ersten Klasse bis zum Eintritt in Ausbildung oder Studium begleite, dass es unterschiedliche Rollenvorbilder und unterschiedliche Herangehensweisen gibt. Jungs und Mädchen funktionieren unterschiedlich – klar gibt es einen großen Grau-Bereich, denn den Jungen oder das Mädchen gibt es nicht. Grundsätzlich glaube ich, dass wir unsere Kinder in ihren Stärken unterstützen und ihnen helfen müssen, Strategien zu finden, mit ihren Schwächen umzugehen. Wir müssen ihnen die Freiräume lassen, eigene Erfahrungen zu sammeln. Ich finde, das ist das schwierigste:  Diesen schmalen GraT zwischen Schutz und Freiheit zu finden. Da-zu-sein, aber nicht überbehüten, Freiheiten zu lassen, aber nicht allein zu lassen. Das ist bei jedem Kind anders und das muss man immer wieder neu herausfinden.

Im Interview: Nina Weger (Kinderbuchautorin, Club der Heldinnen, Oetiner) Was sie sich für die Zukunft von Mädchen wünscht - FAMILICIOUS.de

Und speziell für die Mädchen: Wer vorangehen, Entscheidungen treffen oder führen möchte, muss damit leben, nicht überall beliebt zu sein. Ich habe oft beobachtet, dass Frauen da scheitern: Sie ertragen es nur schwer, wenn andere sie nicht leiden können. Wir müssen ihnen vorleben, dass wir uns bei Benachteiligung wehren, dass wir Grenzen setzen – und dafür nicht immer geliebt werden. Wir sollten unser Verhalten überprüfen und uns fragen, ob wir ihnen das als Modell auch wirklich vorleben?

 

DU SELBER BIST SEILTÄNZERIN, REDAKTEURIN, REGIEASSISTENTIN, DREHBUCHAUTORIN UND DU LEITEST EHRENAMTLICH EINEN KINDERZIRKUS – DA SCHEINEN DEINE ELTERN JA EINIGES RICHTIG GEMACHT ZU HABEN. WIE HABEN DIE DAS HINBEKOMMEN?

Erst einmal: Das habe ich ja nicht immer alles auf einmal gemacht, manches nacheinander, manchmal gab es Überschneidungen. Aber: Ich durfte als Kind ganz viel unbeobachtet spielen, ich durfte mich austoben. Wir waren eine Bande von Kindern, wir hatten Ponys und sind am Wochenende morgens in den Wald geritten und erst wiedergekommen, wenn wir Hunger hatten. Meine Eltern waren bereit, die Sorge um uns zu ertragen. Mir wurde aber auch – im doppelten Wortsinn – etwas zugemutet: Ich sollte immer versuchen, meine Probleme erst einmal allein zu lösen. In der Schule, unter Freunden, im Umfeld. Man probiert aus, fällt auch mal auf die Nase und ist dann klüger. Und man lernt: Es ist auch kein Drama, wenn es mal schiefgeht. Wer nichts wagt, gewinnt auch nichts.

Im Interview: Kinderbuch-Autorin Nina Weger (Club der Heldinnen, Oetiner Verlag) Was sie sich für die Zukunft von Mädchen wünscht und Dramen, die keine sind: jetzt auf dem Blog: FAMILICIOUS.de

Vielleicht spielt auch der Beruf meines Vaters eine Rolle. Ich bin Pastorentochter. Da haben die Menschen merkwürdigerweise immer sehr klare Vorstellungen, wie die zu sein haben. Ich fand das als Kind immer komisch: Niemand hat von den Kindern eines Arztes erwartet, dass sie besonders gesund sind, aber wir sollten immer brav, fromm und vorbildlich sein. Dem konnte ich sowieso nie entsprechen und darum habe ich wahrscheinlich gar nicht erst versucht, es allen Recht zu machen. Und ich hatte einfach wahnsinnig viel Glück im Leben. An entscheidenden Weichen ist es gut gelaufen. Da kann man einfach nur dankbar sein, das hat nichts mit Eigenleistung oder Leistung der Eltern zu tun.

 

DIE MÄDCHEN IN „CLUB DER HELDINNEN“ HABEN BESONDERE FÄHIGKEITEN. DIE WÜNSCHE ICH MIR AUCH MANCHMAL. WAS DENKST DU, WELCHE SUPERKRAFT BRAUCHT EINE ARBEITENDE MUTTER AM MEISTEN?

Ich glaube ganz fest, dass in jedem eine besondere Fähigkeit schlummert. Sie muss nur geweckt werden. Das ist meine Erfahrung. Im Kinderzirkus kann jeder mitmachen, der Lust hat. Es gibt Kinder, die kommen und wissen sofort, was sie gut können. Es gibt andere Kinder, die suchen drei, vier Jahre, fangen an, verwerfen, aber irgendwann hat jedes von ihnen etwas gefunden, in dem es herausragend gut war. Es fehlt oft nur an Zeit und Geduld für diese Suche. Leider.

Tja, und was man als Mutter für Fähigkeiten braucht? Ich glaube, man sollte vor allen Dingen authentisch sein. Mag sein, dass es wahnsinnig tolle Erziehungstricks und Regeln gibt, wie Kinder einschlafen, essen, superschlau werden – aber wenn es meinem Charakter, meiner Lebenssituation widerspricht, dann sollte ich nicht krampfhaft versuchen, dem zu folgen. Jeder von uns kann nur, wie er kann. Ich wünschte, ich wäre ordentlicher, disziplinierter und weniger aufbrausend. Klar arbeite ich an mir – aber ich werde nie das ruhige, ausgeglichene Wesen sein. Man muss immer bei sich anfangen: Sich selbst mit seinen Schwächen annehmen und daran arbeiten. Dann wird man auch großzügiger mit den Schwächen der anderen. Das zweite: Vertrauen – in die Kinder, in die Zukunft. Sich nicht verrückt machen von Schulempfehlungen, Noten, Vergleichsstudien. So schwer es manchmal ist: Erst einmal versuchen, das Gute in allem zu sehen. Manchmal entstehen ja aus Niederlagen oder Fehlentscheidung ganz großartige Dinge.

Im Interview: Kinderbuch-Autorin Nina Weger (Club der Heldinnen, Oetiner Verlag) Was sie sich für die Zukunft von Mädchen wünscht - jetzt auf dem Blog: FAMILICIOUS.de

Und noch eins sollte uns klar sein: Alles hat seinen Preis. Man kann nicht den Pokal als ‚Super-Mutti’ gewinnen, Mega-Erfolge im Job einheimsen, super aufmerksame Partnerin sein und am Abend dann noch mit perfekt lackierten Fingernägeln über die Inhalte der Feuilleton-Seiten von SZ, FAZ und Zeit plaudern. Zeit ist nun mal begrenzt. Kraft auch und irgendwo muss man Abstriche machen. Das sind immer ganz persönliche Entscheidungen, die jeder für sich selbst treffen muss. Aber es gibt nichts Schrecklicheres als diese supergestressten ‚Ich-schaffe-alles-Muttis’.

Im Interview: Kinderbuch-Autorin Nina Weger (Club der Heldinnen, Oetiner Verlag) Was sie sich für die Zukunft von Mädchen wünscht und was sie über Super-Moms denkt: jetzt auf dem Blog: FAMILICIOUS.de

ALS DEINE KINDER KLEINER WAREN, WIE HAST DU ES DA GESCHAFFT, JOB UND FAMILIE UNTER EINEN HUT ZU BEKOMMEN?

Ach, manchmal hatte ich auch ein schlechtes Gewissen – mal dem Job, mal meiner Familie gegenüber. Es soll niemand behaupten, dass das einfach ist, gerade wenn die Kinder klein sind. Dann schleppen die aus dem Kindergarten irgendeine Krankheit mit an, aber man hat einen Abgabe-Termin. Da hat man dann schon mal dunkle Ringe unter den Augen. Aber dafür hat man das Glück beides zu haben und jeweils einen Ausgleich zum anderen. Alles in allem, haben wir das ganz gut hinbekommen, glaube ich. Man konzentriert sich halt auf das Wesentliche. Einkaufen ist dann kein Tagesordnungspunkt, sondern etwas, das man mal eben auf dem Weg zwischendurch erledigt. Und dann fehlt eben mal etwas. Neulich erzählte meine Tochter, wie stark ihr die Telefonkonferenzen zu Drehbuchbesprechungen in Erinnerung sind. Da musste es einfach ruhig sein, da durfte nicht gestört werden. Ich erinnere mich an eine, die sich im Laufe des Tages immer weiter nach hinten verschob. Mein Mann war nicht da, irgendwann musste die Betreuung los und ich hatte den Kindern versprochen, dass ich mit ihnen ein Lebkuchen-Knusperhaus baue. Die quengelten, dann klingelte das Telefon. Ich habe damals alles auf den Tisch gestellt und gesagt: Okay, fangt an, ihr könnt alles machen – nur bitte nicht laut. Die Telefon-Konferenz hat zwei Stunden gedauert, anschließend musste ich vier Stunden Zuckerguss von Fußbodenleisten kratzen.

Anm.: Das hat meine Tochter gelesen und darauf bestanden, dass ich schreibe, dass es wirklich ruhig war. Und sie legt Wert darauf, dass es auf keinen Fall ‚negativ’ rüberkommt, dass ich immer gearbeitet habe – weil es für sie absolut in Ordnung war.

Ich musste auch mal aus beruflichen Gründen plötzlich aus einem Urlaub früher zurückfahren. Meine Tochter war damals zwei Jahre alt. Für meinen Mann und Greta war diese Woche Urlaub zu zweit eine tolle, besondere Erfahrung – die sie ohne eine berufstätige Mutter vielleicht nicht gemacht hätten?

Aber ich muss auch sagen: Zu zweit ist das sowieso leichter. Irgendwie haben wir es immer hinbekommen, dass einer von uns da war, wenn es für die Kinder wichtig war. Und: Es wird mit jedem Jahr leichter. Wenn die Kinder im Kindergartenalter sind, sollte man sich nicht mit Frauen vergleichen, deren Kinder schon zur Schule gehen. Das ist ein Riesen-Unterschied.

 

ZUM SCHLUSS: WAS MÜSSTE SICH ÄNDERN, UM ALS MÄDCHEN UND FRAU NOCH BESSER IN DEUTSCHLAND LEBEN UND ARBEITEN ZU KÖNNEN?

Wenn es nach mir ginge, würde es mehr flexible Betreuungsplätze mit einem besseren Personalschlüssel geben. Kulturelle und sportliche Angebote müssten in guter Qualität über die Nachmittagsangebote in Ganztagsschulen laufen. Und die wiederum müssten so ausgerüstet sein, dass Kinder dort auch Rückzugsmöglichkeiten und Ruhe hätten. Ich bin ein großer Anhänger von Betriebskindergärten. Da können Eltern und Kind schon den Weg gemeinsam machen. Tatsache ist, dass heute fast die Hälfte aller Kinder bei nur einem Elternteil aufwachsen – und das immer noch meist bei der Mutter. Wir wissen, dass die Gefahr der Verarmung als Alleinerziehende(r) größer ist und die Kinder dann benachteiligt sind. Darum muss es gute, kostenlose kulturelle Angebote geben. Man sollte auch darüber nachdenken, ob man nicht das Kindergeld abschafft und eben diesen gigantischen Betrag dafür einsetzt. Dieses Geld ist nicht ans Einkommen der Eltern gekoppelt und das halte ich für falsch.

Im Interview: Kinderbuch-Autorin Nina Weger (Club der Heldinnen, Oetiner Verlag) Was sie sich für die Zukunft von Mädchen wünscht - jetzt auf dem Blog: FAMILICIOUS.de

Früher war ich kein Freund der Quote und fand: Die besten werden sich schon durchsetzen. Da habe ich meine Meinung geändert: Wir brauchen Vorbilder in Schlüsselfunktionen. Und wir brauchen Frauen, die wiederum Frauen fördern und nachziehen. Und wir müssen unsere Töchter stärken, dass sie Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg gehen, dass sie für ihre Rechte einstehen. Am besten ist, wir leben ihnen das vor.

Im Interview: Kinderbuch-Autorin Nina Weger (Club der Heldinnen, Oetiner Verlag) Was sie sich für die Zukunft von Mädchen wünscht - Über Vorbilder in Schlüsselfunktionen: jetzt auf dem Blog: FAMILICIOUS.de

Liebe Nina, vielen Dank für das tolle Interview!

 

WIN THIS // VERLOSUNG: CLUB DER HELDINNEN

Kinderbuch-Autorin Nina Weger über ihr neues Buch: Club der Heldinnen, Oetiner Verlag (Illustration Nina Dulleck) und was sie sich für die Zukunft von Mädchen wünscht - jetzt im Interview auf dem Blog und Gewinn-Spiel: FAMILICIOUS.de © Udo Weger

DAS GEWINNSPIEL IST BEENDET! GEWONNEN HABEN: Anneke Fuchs​ auf Facebook, das Fräulein Kraus auf Instagram und Ilka auf dem Blog. Herzlichen Glückwunsch!

WIR VERLOSEN DREI EXEMPLARE VON NINA WEGERS BUCH „CLUB DER HELDINNEN – ENTFÜHRUNG IM INTERNAT“ (FÜR KINDER AB 9 JAHREN).

Schreib uns einen Kommentar – hier auf dem Blog, auf Facebook oder Instagram – dann nimmst du an der Verlosung teil. Wir wollen wissen:

WELCHE BESONDERE FÄHIGKEIT WÜNSCHST DU DIR UND WOFÜR BRAUCHST DU DIE?

Wir freuen uns, von dir zu hören. Schreib uns!

 

 

Noch mehr Infos zu Nina Weger und ihrem Buch „Club der Heldinnen – Entführung im Internat“ findet ihr auf ihrer Internetseite. Und übrigens: die tolle Geschichte für abenteuerlustige Mädchen gibt es auch als Hörbuch.

Bilder © Udo Weger

 

 

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